
Till Lichtenbergers Arbeit besteht aus unterschiedlichen Teilen. Da sind zuerst einmal die Lumino- und Fotogramme von Dingen aus seiner häuslichen Umgebung: Bekanntes, Gebräuchliches und in der Regel Wertloses, teils einzeln gezeigt, teils in Mengen. Die Bilder passieren reibungslos die Ebene der Repräsentation und erzeugen dann so etwas wie einen Nachhall der Dinge, den wir normalerweise überhören, den wir nicht gebrauchen können, den wir nicht wahr haben, vergessen oder verdrängen wollen. – Lichtenberger kommt zu seinen Bildern, indem er die Dinge gleichsam als Negative nutzt. Ausrisse aus Zeitschriften oder Werbeblättern beispielsweise legt er in die Bühne eines Vergrößerers. Backpapier, Plastikverschlüsse, Zahnseide positioniert er irgendwo im Lichtkegel des gleichen Geräts, so dass auch sie auf seinem Papier Spuren hinterlassen. Um diese festgehaltenen Schatten geht es. Sie sind der mediale Impuls, der den Schleier hebt und die Wirkung der Dinge auf unser Inneres spürbar macht. Dem Reiz der Bilder folgt eine innere Freude an und Furcht vor der anarchischen Gesetzlosigkeit, die das Terrain der Vernunft, der Verallgemeinerung, der Konstruktion, der Kontrolle, umfließt, die seinen fragilen Charakter deutlich macht.
Das, was Lichtenberger zu Bildern macht, stammt aber nicht nur aus der zeitgenössischen überfließenden Welt des privaten Konsums. Es stammt auch von Erdsiebungen aus einem Garten. Naturgemäß sind die dabei gefundenen Dinge älter. Die erweiterte Ansicht auf Massenwaren – Drähte, Nägel, Bettenroste – dient nicht dem Vergleich. Aus ihr wird kein Kommentar über mögliche soziale oder kulturelle Differenzen, keine Systemkritik. Genau wie die ersten werden auch diese Dinge als bildliche Eindrücke an das Innere weitergereicht und entwickeln dort ihre chaotischen Kräfte. Es geht hier nicht oder nur nachgeordnet um Sitten und Gebräuche, es geht um ein Verhältnis von innerer und äußerer Welt.
Fundstücke aus dem Internet bilden den vorerst letzten Teil der Arbeit. Es sind Fotografien, genauer gesagt Daten, die vom Computer als Bilder dargestellt werden. Lichtenberger hat sie ausbelichten lassen und zeigt sie nun in themenbezogenen Serien. Ihre Wirkung korrespondiert mit jener der Lumino- und Fotogramme. Auch hier unterläuft die Wiederholung von Vergleichbarem und Nichtigem nachgerade jeden Versuch der Orientierung. Erstmalig kommt es in den Bildern aber nicht zu Verfremdungen, zu Zeichen der Distanz zwischen Objekt und Bild, wie der Umkehrung von Farben und Kontrasten. Lichtenberger gebraucht den Fotorealismus als ein Zeichen für das allmähliche Verschwinden der Dinge, besser vielleicht für die Entfremdung zwischen den Dingen und uns, wie sie sich durch den expansiven Gebrauch der vernetzten Computer einstellt. Die tradierte Bedeutung des Fotorealismus wird hier also verkehrt. Er repräsentiert nun nicht mehr tatsächliche Begebenheiten, sondern den Schein des Physischen, die pure Kommunikation darüber. Lichtenberger könnte auch diese Bilder in Negative wandeln, könnte ihre Schatten simulieren, aber er tut es nicht. Er will das Verhältnis des Scheins zur Psyche von dem der Dinge zur Psyche unterscheiden und lässt deshalb den Scheinbarkeiten ihre Form, auch wenn –oder vielleicht gerade weil – die bisher stillschweigend und ausschließlich andersartige Bedeutung hatte.
Wer will, kann die formalen Mittel, mit denen hier ein Wandel erfasst wird, symbolisch lesen und reflektieren. Ein ästhetisches Vergnügen bereitet die den Bildern gemeinsame sanft gefärbte Ironie, mit der sie unsere Versuche begleiten, die Welt in Form zu bringen. Das jedenfalls ist etwas Neues: hier wird mit den Mitteln der Fotografie auf bisher ungesehene Weise ein direkter Zugang zu unserem Seelenleben gefunden.
Peter Hendricks, Januar 2014
10. April 2014 bis 27. April 2014 10.00 – 18.00 Uhr In der Galerie Heinzi und Struss Ringstraße 19, 24114 Kiel
Eröffnung: Mittwoch 09. April 2014, 19.00 Uhr